Patrick Niedermayer

Es ist Dienstag Nachmittag, 16. Juni 2015, ich bin 20 Jahre alt und nervös wie nie zuvor. Ich sitze auf der rustikalen Holzbank vor unserem Haus und warte auf Itha, meine Freundin. Sie ist gerade auf dem Heimweg von ihrer Arbeit und hat keine Ahnung, dass ich in einer Stunde um ihre Hand anhalten werde. 

Vor drei Wochen zeigte ich das erste mal jemanden den silbernen Diamant-Ring, welchen ich heimlich während unseres Ägypten-Urlaubs bei dem Hotel-Juwelier erstanden hatte.

„Hast du dir das gut überlegt?“ fragte Manuel, mein bester Freund zu der Zeit, nachdem ich ihm von meinem Plan erzählt habe. 

Also liehen wir uns die Kamera von Manuels Bruder aus. Damit kann man wohl den Hintergrund so unscharf einstellen, ich brauchte den Kinolook, es muss schließlich perfekt werden. Wir schrieben uns auf, welche Aufnahmen wir benötigen würden und machten uns an die Arbeit. 

Wir filmten mich beim Autofahren, filmten den Ring, filmten mich beim Duschen, beim Anziehen und beim Laufen. Richtigen Spaß hatte ich, als wir ein paar echt kinomäßige Clips hin bekommen haben, z.B. indem wir die Kamera auf einem Skateboard über eine Bierbank fahren ließen, das war unser Dolly.

Mein Handy klingelt, Itha ist dran. Sie freut sich auf den Nachmittag mit mir, heute ist schließlich ihr Geburtstag. Sie sagt „…ach und vorhin hat mich eine Biene in den Finger gestochen, der ist jetzt total Dick und tut weh, aber es ist nicht so schlimm. Bis gleich“

WAS?! Eine Biene sticht ihr ausgerechnet Heute in den Finger? Und in welchen Finger? Was wenn es DER Finger ist? Versuche ich es dann ohne Ring? Oder geht das auch mit der anderen Hand, ich hab doch vorhin erst gegoogelt, welche die richtige Hand ist. Puh, tief durchatmen… Warten wir erstmal ab wie schlimm es ist. 

Sie fährt mit ihrem weißen Ford auf den Parkplatz neben dem Haus. Ich versuche ruhig zu wirken. Ich freue mich sie zu sehen – sie sieht toll aus. 

Der erste Blick geht auf Ihre Hand, Entwarnung: Es ist die andere Hand. Der Plan kann also weitergehen. 

Wir steigen in mein Auto. 10 Minuten später stehen wir im Foyer des Kinos Casino Lichtspiele, ein kleines uriges Kino, nicht weit von uns. Wir kaufen uns Popcorn und Tickets, für einen Film den ich ihr nicht verraten möchte, denn es gibt ja auch keinen. Sie weiß ja auch nicht, dass ich den ganzen Kinosaal gemietet habe. Die Kinobetreiberin sagt, wir können uns schonmal einen Platz aussuchen, wir sind bisher die Einzigen, um diese Uhrzeit ist das aber auch normal. Perfekt: Jeder Verdacht ausgelöscht. 

Wir suchen uns die besten Plätze aus und setzen uns in die weichen Kinosessel. In meinem Kopf gehe ich nochmal den Plan durch: Der Ring und Blumen sind draußen deponiert, im Kofferraum sind Badesachen und ein Picknick für nachher und in unserer Wohnung wartet auch noch eine Überraschung auf sie. Es könnte der perfekte Tag werden, falls sie „ja“ sagen wird. Sie ahnt von alledem noch nichts. 

Der schwere rote Samtvorhang öffnet sich, er wirkt noch langsamer als sonst. Die Hintergrundmusik verstummt und der erste Kinotrailer läuft an. Ich kenne die Reihenfolge, in denen die Trailer laufen werden und ich weiß, dass mein Video an 4. Stelle kommen wird. Itha ist total entspannt. 

Als gerade der 2. Trailer (die Minions) beginnt, sage ich „ich geh’ nochmal kurz aufs Klo, bevor der Film losgeht“. Wow, ich bin überrascht, dass ich den Satz rausbekommen habe. Und ich bin sehr dankbar für meinen Einfall den Antrag durch ein Video zu machen, niemals könnte ich in so einer Situation Wörter aneinanderreihen. 

Ich gehe zum Ausgang, des schon abgedunkelten Saals. Ich hole schnell den Ring und die Blumen, wo ich sie heute Morgen abgelegt hatte, höre noch ein „Viel Glück“ von der Kinobetreiberin und schleiche mich gleich wieder in den Saal. Ich verstecke mich ein paar Reihen hinter meiner Geliebten. Ich muss sehen wie sie reagiert, denn brauche ein wenig Sicherheit, dass sie „ja“ sagen wird. 

Mein Video läuft an, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich sitze in der Hocke 3 Reihen hinter ihr am Rand des Ganges und versuche irgendwie, im reflektierenden Licht der Leinwand, ihre Gesichtszüge zu deuten. Sie sitzt da, ganz allein, genau in der Mitte des großen Kinosaals mit der Tüte Popcorn auf dem Schoß und hat noch keine Ahnung, was da gleich auf sie zukommt. Ich höre wie mein Video anläuft, ich höre ihre Popcorn-Tüte rascheln. Die Zeit scheint langsamer zu werden. Ich sehe nur ihren Hinterkopf. Ich weiß nicht, was gerade in ihr vorgeht, was sie denkt, ich bin noch nicht mal sicher ob sie überhaupt auf die Leinwand schaut. Versteht sie schon, was da gleich passiert?

Meine Knie zittern, meine Handflächen schwitzen, ich bin so aufgeregt wie nie zuvor. Zweifel kommen: Wir sind erst seit einem Jahr ein Paar, was wenn das noch nicht genug ist? Ich bin 6 Jahre jünger als sie, will sie mich trotzdem heiraten? Was, wenn sie sich doch nicht so sicher ist wie ich denke?

Jetzt kommt der Teil im Film, in dem es klar wird. Gleich werde ich sie fragen. Jetzt muss sie eine Reaktion zeigen… Ich sehe keine Reaktion. Sie sitzt einfach nur da. Oh oh, ich glaube das war eine ganz schlechte Idee… Ich hoffe sie ist nachsichtig mit mir. Meine Beine heben mich an, wie von selbst und beginnen loszulaufen. Ich biege in ihre Kinoreihe ein. Ich versuche immer noch irgendeine Art von Mimik zu deuten. Ihr Blick ist starr auf die Leinwand gerichtet. Ich nähere mich langsam. Als ich endlich vor ihr stehe, gehe ich auf die Knie, als hätte ich nie etwas Anderes gemacht. Da erkenne ich, dass ihr die Tränen übers Gesicht laufen und schon vom Kinn tropfen.  Sie sieht glücklich aus. Plötzlich höre meine Stimme sagen „Willst du mich heiraten und für immer die Frau an meiner Seite sein?“. Ich weiß, dass alles gut wird.

Es ist der 16. Juni 2015, ich bin 20 Jahre alt und jetzt nicht mehr nervös. 

Das Foto wurde direkt nach dem „Ja“ aufgenommen.

Warum schreibe ich so öffentlich über so einen privaten Moment?

Ich glaube das Verletzlichkeit nicht nur Risiken sondern auch Chancen mit sich bringt. Chancen, für mehr Menschlichkeit, für bessere Verbindungen mit anderen Menschen, für weniger Ausgrenzung.

Außerdem versuche ich zu lernen, besser Geschichten zu erzählen. Um darin besser zu werden, sollte man – du ahnst es – Geschichten erzählen. Am liebsten erzähle ich natürlich meine Lieblingsgeschichten.

Wenn ich dich mit in in dieses kleine Kino, in der Hocke drei Reihen hinter Itha nehmen konnte, hatte ich Erfolg. Ich hoffe du hattest Freude an meiner Geschichte.

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