Patrick Niedermayer

Es ist März 2018, ich bin 23 Jahre alt, meine Frau ist im achten Monat schwanger und bin seit einem halben Jahr Teil eines komplett neu gebildeten Teams bei Paessler, der Content Factory. 

Meine 5 Teamkollegen und ich sitzen auf grünen Sitzwürfeln, in einem großen, gemütlichen Workshop-Raum und haben unser erstes Team-Event. Bevor wir Lasertag spielen, machen wir noch einen Workshop um uns besser kennenzulernen und um damit unsere Zusammenarbeit zu verbessern. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf und sollen innerhalb weniger Minuten unsere außergewöhnlichste Gemeinsamkeit herausfinden. 

Es wird jetzt noch ungefähr vier Minuten dauern, bis ich meinen Kollegen mein allergrößtes Geheimnis verrate, das ich seit 10 Jahren mit mir herumschleppe. 

Frühling 2008:

Sportumkleiden sind bei Jungs ein schrecklicher Ort, insbesondere für unsichere Siebtklässler. Es liegt einfach zu viel Testosteron in der Luft, welches nur von ein paar wenigen frühreifen Klassenkameraden aufgesogen wird. Die einen schlagen mit ihren stinkenden T-Shirts um sich, die anderen schlittern grölend in die Gemeinschaftsdusche und es gibt eigentlich immer einen, der den Propeller macht. 

Dann gab es mich. Ich gehörte zu den Jungs, die sich schon vor der eigentlichen Sportstunde an einem unausgesprochenem Wettrennen beteiligten. Der Preis, den es zu gewinnen gab, war nichts Geringeres als die kleine Nische hinten rechts, in der sonst offenen Umkleidekabine. Ich brauchte diese Nische, denn ich hatte ein Geheimnis. Ein Geheimnis, wegen dem mich sogar die uncoolen Kinder hänseln würden, dessen war ich mir sicher. 

Obwohl ich mich in meiner Klasse mit allen gut verstand, musste ich vorsichtig sein, denn selbst beliebte Kinder können schnell unter die Mobbing-Räder kommen. So wie Nico aus der Parallel-Klasse, er war einer der coolen Kids – braungebrannte Skatertypen, die sich jeden Tag im Freibad trafen und die ersten iPods hatten – doch eines Tages entschied einer der älteren, dass Nico jetzt „stinkt“. Dadurch wurde er zu „Stinker“, er hat sich bis zum Abschluss nicht mehr davon erholt. 

Sowas durfte mir nicht passieren. Wenn jemand von meinem Geheimnis erfuhr, wäre das der soziale Supergau. Glücklicherweise haben meine Eltern schon früh vorgesorgt und eine alternative Geschichte kreiert. Diese Geschichte, rund um eine Leistenbruch-OP, schützte mich vor weiteren entblößenden Fragen, indem sie ausreichend erklärte, weshalb ich für zwei Wochen während der Schulzeit zu Hause war und, falls es aufkam, sogar die kleine Narbe an meinem Bauch erklärte. 

Ich saß auf einem kalten, schiebbaren OP-Tisch in einem hallenden, ungemütlichen Raum.

Der Arzt versicherte mir nochmal, dass mit dem Silikonimplantat alles ganz wunderbar aussehen würde, außerdem – und das beschäftigte mich besonders – werde ich nicht weniger fruchtbar sein als jeder andere auch: „Gott hat uns mit zwei Hoden ausgestattet, damit wir noch einen haben, falls einer kaputtgeht“. Ich wurde in den OP geschoben und meine Lichter gingen aus…

Kinder bekommen… Ich war zwar erst 13 Jahre alt, aber ich wusste, dass es das ist, was ich später möchte.

Ich sitze auf einem der schwarzen, wippenden Plastikstühlen in unserem Klassenzimmer der 6a. Letzte Woche begann die Lehrerin in Biologie mit Sexualkunde, die meisten meiner Mitschüler fanden das einfach nur witzig, aber ich hatte das Gefühl etwas Wichtiges zu lernen. Wir lernten nicht nur welche Körperteile fürs „Kindermachen“ wichtig sind – das wusste ich schon früh, sodass ich schon in der zweiten Klasse meine Mitschüler bat, mir bitte keine in die Eier zu hauen – jetzt lernten wir auch, wie das funktioniert. Unsere Lehrerin war begabt darin, dem Akt des „Kindermachens“ kein bisschen Spaß zuzuschreiben. Es war einfache Biologie: Eisprung; Samenerguss; Spermien suchen Eizelle; Befruchtung; Zellteilung; Kind. Ganz einfach. Ich hob meinen Zeigefinger und fragte wie wahrscheinlich es wäre, das man bei ungeschütztem Sex ein Kind zeugt. Unsere Lehrerin erklärte „Meistens werden Frauen nicht gleich beim ersten Mal schwanger und manche Paare versuchen es auch vergeblich über Jahre. Das wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, hauptsächlich liegt es aber an der Menge der Spermien.“ Ein Mitschüler rief dazwischen „Das erklärt, warum Hitler mit einem Ei, nie ein Kind machen konnte“… die Klasse lachte; ich nicht. 

Der Arzt sagte mir damals, es gäbe Männer, die wie ich sind und trotzdem glückliche Familienväter wurden, das hätte nichts miteinander zu tun. Trotzdem war der Punkt meiner Lehrerin ziemlich logisch, es müssen genug Spermien da sein. Halb soviel Hoden können vermutlich nur halb soviel Spermien produzieren, außerdem gibt es viele Männer, die „normal“ sind und trotzdem keine eigenen Kinder machen können.

Obwohl ich Angst hatte, sie würde mich danach nicht mehr als vollen Mann sehen, erzählte ich Itha kurz vor unserer Hochzeit von meiner Sorge unfruchtbar zu sein. Es war nur fair ihr zu sagen worauf sie sich einlassen würde; ich fand sie würde eine tolle Mutter werden und hätte es verdient, zu wissen, wenn dem etwas im Weg stehen würde. Sie hätte nicht verständnisvoller reagieren können und war selbstverständlich der (logischen) Auffassung, der Arzt wüsste mehr über Fruchtbarkeit als meine Lehrerin in der sechsten Klasse. Durch dieses Gespräch realisierte ich, wie sehr ich in der Vergangenheit meine Gedanken einschränkte, um mich diesem Thema nicht stellen zu müssen. 

An diesem Tag schwor ich mir, sollte ich doch irgendwann ein Kind zeugen können, werde ich aufhören ein Geheimnis daraus zu machen. Natürlich würde ich nicht jedem einfach so von meinen Genitalien erzählen –  das wäre ziemlich weird – aber ich wollte es nicht mehr verheimlichen. Ich wollte es nicht für mich und ich will es nicht für mein jüngeres Ich.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich verstand, dass meine größte Angst gar nicht war, keine Kinder machen zu können, sondern aus etwas tieferem bestand: Alle Männer, zu denen ich aufsah, als ich ein Kind war, haben selbst Kinder gemacht. Mein Papa, mein Opa und alle meine Onkel. Sie wurden respektiert und ich wollte nichts mehr als deren Anerkennung. Wenn bei Familienfeiern Witze übers „Kindermachen“ erzählt wurden – welche meist recht männlich waren – versuchte ich möglichst normal zu wirken. Das fühlte sich an, als hätte ich mich ohne Einladung auf einer Party eingeschlichen. Auch wenn ich die Witze nicht lustig fand, lachte ich, um nicht aufzufliegen.

Ich sah keine Möglichkeit mit der Wahrheit akzeptiert zu werden, also versuchte ich meine körperliche Anomalie zu ignorieren. Vor allem wollte ich nichts mehr hören von der sich immer wieder aufdrängenden Stimme in meinem Kopf: Spätestens wenn du erwachsen bist und keine Kinder machen kannst, wird dein Geheimnis auffliegen. Jeder wird wissen, dass du kein richtiger Mann bist. Und wenn du kein richtiger Mann bist, was bist du dann überhaupt? Was meinst du wie dich die Leute dann sehen werden? Es gibt schließlich einen Grund, weshalb deine Eltern es niemandem erzählt haben. 

März 2018 – Workshop – 3 Minuten später:

Passi, unser Workshop Facilitator, kommt zu unser herüber „noch 2 Minuten, was ist die außergewöhnlichste Gemeinsamkeit, die ihr finden könnt“. Wir haben noch nichts Besseres gefunden, als „wir waren alle schonmal in Berlin“wow. Also versuchen wir jetzt wirklich jede außergewöhnliche Geschichte aus unserem Gedächtnis zu kramen und zu hoffen, dass die anderen Beiden, wie durch ein Wunder dieselbe Erfahrung gemacht haben. 

„Ich war schonmal in einem abgesperrten Bereich eines Wolkenkratzers“ 

– Kopfschütteln; 

„Ich wurde schonmal mit Crack für einen Auftrag bezahlt.“ 

– Kopfschütteln; 

„Ich war schonmal für eine Nacht in einem spanischen Gefängnis“ 

– Kopfschütteln; 

Jetzt ich: „Ich habe nur einen Hoden“ 

Da ist es, es ist raus. Ich habe es tatsächlich gesagt. Wo kam das jetzt her? Ich erwarte nicht einmal, dass es eine Gemeinsamkeit ist, wäre aber krass. Wie reagieren sie? Bin ich jetzt ein Weirdo für meine Kollegen? Ein Aussätziger? Hatten meine Eltern recht und ich sollte es für immer für mich behalten? Werde ich jemals wieder einfach nur Patrick sein, oder bin ich jetzt für immer der Typ, dem ein Ei fehlt? 

– Kopfschütteln. 

Um mich herum hat sich überhaupt nichts verändert, die Welt dreht sich weiter, noch nicht einmal meine Kollegen haben aufgehört, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Alles geht weiter wie immer. Nur in mir hat sich viel verändert. Dieser kurze Satz „Ich habe nur einen Hoden“ war der erste Schritt meiner Befreiung.


Ich hasse Geheimnisse, ich finde sie schränken uns ein. Das war mein größtes Geheimnis, jetzt ist es endlich keines mehr.

Ich fühlte mich wie ein Gefangener meines Geheimnisses und der damit verbundenen Ängste. Der Moment in dem ich es meinen Kollegen erzählte, war für mein erster Befreiungsschlag. Seit dem, fällt es mir jedes mal leichter darüber zu sprechen.

Überraschenderweise war es für mich trotzdem relativ schwer diese Geschichte zu schreiben, ich war dabei nervös, ähnlich wie kurz vor einem Bungie-Sprung. Wenn ich sie jetzt nochmal lese, überkommt mich ein wenig stolz über den Mut, den ich aufgebracht habe. Mir ist bewusst, dass ich kein schlimmes Schicksal erlitten habe und mir nur ein recht unwichtiges Organ fehlt. 

Was mir aber Kopfzerbrechen bereitet ist: Wieso ist das so ein Tabu-Thema? Wieso ist ein Herzschrittmacher akzeptiert und über einen Silikon-Hoden spricht man nicht?

Das sind beides ernstgemeinte Fragen, wenn du dazu eine Erklärung hast, bitte schreibe sie mir bitte als als Kommentar.

Was ich auch noch interessant finde, ist der gesellschaftliche Wandel, der mir beim Schreiben dieses Artikels bewusst wurde. Vor 20 Jahren hätte solch eine Geschichte wohl weniger Akzeptanz gefunden wie heutzutage. 

Das ist die geeignete Stelle um noch zu sagen, dass ich meinen Eltern dankbar bin, dass sie das so gehandhabt haben. Während ich zwar glaube, dass mich die Tabuisierung eingeschränkt hat und Unsicherheiten und Ängste gefördert hat, glaube ich auch dass sich meine Eltern für das geringere Übel entschieden haben. 

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